Geht die Sensorentwicklung aufgrund des High-ISO-Wahns in die falsche Richtung?


english_language

Fotografen, die alt genug sind, erinnern sich bestimmt an die mittlerweile eingestellten niedrigempfindlichen Dia- und Schwarzweißfilme, wie Kodachrome 25, Kodachrome 64 und Technical Pan. Diese wurden Jahrzehnte lang hergestellt und von vielen Fans aufgrund des feinen Korns und der lebendigen Farben bzw. der atemberaubenden Detailwiedergabe geschätzt.

Obwohl, wie schon gesagt, Fotografen Jahrzehnte lang glücklich mit diesen niedrigempfindlichen Filmen waren, verschwand der Empfindlichkeitsbereich unter ISO100 recht bald nach dem Technologiewechsel von der analogen zur digitalen Fotografie. Aus irgendeinem Grund haben heutzutage die meisten Sensoren eine Basisempfindlichkeit von ISO200 und das obwohl man tagsüber nach wie vor akzeptabel kurze Belichtungszeiten mit ISO25 bis 64 erreichen kann.

Ich weiß nicht ob die Nachfrage nach Sensoren mit hervorragender High-ISO-Tauglichkeit tatsächlich so hoch ist oder ob jene Fotografen, die dieses Feature tatsächlich brauchen, am lautesten schreien. Jedenfalls sehen sich Sensorhersteller unter Druck gesetzt, ihre Sensoren zunehmend Richtung Restlichtfotografie zu optimieren – in den meisten Fällen auf Kosten der Bildqualität bei niedrigsten ISOs.

Kodachrome_box
Bildquelle: wikipedia.org

Manchen – entweder weil sie keine besonders hohen Ansprüche stellen oder eine High-End-Kamera besitzen – reicht die Bildqualität, die aktuelle Sensoren bei ISO100 bis 200 liefern. Ich gehöre zu den so genannten Gear-Heads, die sich nie zufrieden geben. 🙂

Ferner sollte man nicht vergessen, dass derzeit fast alle Segmente des Kameramarktes schrumpfen. Der wachsende Druck zur Miniaturisierung, der von den Smartphones ausgeht, wird dazu führen, dass in Zukunft – unabhängig davon ob wir Fotografen das wollen oder nicht – viele mechanische Teile einer Kamera dem Rotstift zum Opfer fallen werden.

Den Trend kann man jetzt schon am Beispiel der boomenden „Edelkompaktkameras“ beobachten, bei denen so langsam der hybride Verschlussmechanismus Einzug hält. Ein mechanischer Verschluss, der Belichtungszeiten von 1/4000 der Sekunde und kürzer erlaubt, ist vergleichsweise groß und teuer in der Herstellung. Für Kamerahersteller ist es daher deutlich profitabler einen Verschluss zu verbauen, der beispielsweise nur 1/1000 schafft, und noch kürzere Belichtungszeiten elektronisch umzusetzen. Problematisch ist allerdings, dass derzeit noch kein Sensor schnell genug ausgelesen werden kann, um die angegebenen Verschlusszeiten von bis zu 1/32.000 tatsächlich zu erreichen. Das wird einem spätestens dann bewusst, wenn schnelle Bewegungsabläufe zum Rolling-Shutter-Effekt führen.

Da er sich also für Action- und Sportfotografie nicht eignet, wird mit einem derart beschränkten elektronischen Verschluss lediglich versucht ein Problem – Fotografieren bei hellem Licht, ohne überbelichten oder abblenden zu müssen – aus der Welt zu schaffen, welches durch zu hohe Basisempfindlichkeiten verursacht wurde.

Wie ich finde, lässt sich das besagte Problem mit niedrigeren Basisempfindlichkeiten eleganter lösen. Diese Lösung hätte zudem die folgenden Vorteile:

  • Weniger Rauschen, höhere Dynamik und größere Reserven in den RAWs. Das wäre insbesondere bei 1“-, m4/3- und DP-Kameras von Vorteil.
  • Auch ohne den Einsatz eines Graufilters, wären längere Belichtungszeiten möglich. Sogar bei sommerlicher Mittagssonne könnte man, bei ISO25 und f/16, eine Belichtungszeit von 1/25s erreichen („Sunny 16“ Regel). Bei aktuellen Kameras führt, unter denselben Lichtbedingungen, kein Weg an einem ND1000-Filter vorbei.
  • Vermutlich weniger bzw. kein Blendenklappern bei Kameras die so programmiert sind, dass sie, wenn sie bei sehr hellem Licht nicht weiter die Empfindlichkeit reduzieren können (gemeint ist nur Liveview), die Blende schließen müssen. Das ist praktisch bei allen m4/3-Kameras von Olympus der Fall.

Wie steht ihr zur Priorisierung von High-ISO-Tauglichkeit bei der Sensorentwicklung? Findet ihr, dass der Weg, den die Sensorhersteller eingeschlagen haben, der Richtige ist oder würdet ihr, so wie ich, lieber noch ein paar Empfindlichkeitsstufen am unteren Ende haben?

Advertisements

6 Gedanken zu „Geht die Sensorentwicklung aufgrund des High-ISO-Wahns in die falsche Richtung?

  1. Eigentlich finde ich die hohen iso-Tauglichkeiten der neuen Kamaras wirklich gut. Ich bin kein „Schönwetterfotograf“ und hier im Norden scheint auch nicht immer die Sonne. Mit der Sigma hatte ich immer Schwierigkeiten bewegte Objekte einzufangen. Hatte zuerst gehofft, dass lichtstarke Linsen die Lösung wären. Tja, da habe ich mich doch getäuscht. Nun bin ich mit der A7r recht zufrieden. Auch wenn es recht bewölkt ist, oder im Wald kann man noch ohne Stativ und lichtstarkem Objektiv scharfe Fotos machen. Allerdings werde ich damit wohl keine bewegende Objekte wirklich einfrieren. Wenn man im dichten Buchenwald einen Mountenbiker ohne großes Rauschen ablichten kann, denke ich, ist das Ziel der Industrie erstmal erreicht. Das wird allerdings noch lange dauern.
    Für Landschaftsaufnahmen reicht meine vollends aus und wenn ich mehr schleppen mag kann ich auch noch meine SD15 mitnehmen und noch ein Stativ dazupacken. Allerdings ist die Gefahr immer da, dass bei der SD15 so rote Grissel auftauchen (auch bei wenig ISO) Da habe ich es doch viel einfacher mit der Sony.

    • Hallo Matze!

      Eigentlich finde ich die hohen iso-Tauglichkeiten der neuen Kamaras wirklich gut. Ich bin kein “Schönwetterfotograf” und hier im Norden scheint auch nicht immer die Sonne. Mit der Sigma hatte ich immer Schwierigkeiten bewegte Objekte einzufangen. Hatte zuerst gehofft, dass lichtstarke Linsen die Lösung wären. Tja, da habe ich mich doch getäuscht. Nun bin ich mit der A7r recht zufrieden. Auch wenn es recht bewölkt ist, oder im Wald kann man noch ohne Stativ und lichtstarkem Objektiv scharfe Fotos machen.

      Ich habe jedoch das Gefühl, das du ein Sigmaianer durch und durch bist. Denn du postest hier, wie auch in Sigma lastigen Foren, wie dem Bilderforum, recht oft. 🙂

      Allerdings werde ich damit wohl keine bewegende Objekte wirklich einfrieren.

      Wieso das? Packt der AF der A7r das nicht?

      Für Landschaftsaufnahmen reicht meine vollends aus und wenn ich mehr schleppen mag kann ich auch noch meine SD15 mitnehmen und noch ein Stativ dazupacken. Allerdings ist die Gefahr immer da, dass bei der SD15 so rote Grissel auftauchen (auch bei wenig ISO) Da habe ich es doch viel einfacher mit der Sony.

      Die A7r sollte doch in jeglicher Hinsicht besser als die alte SD15 sein. Wieso hast du die letztere nicht verkauft?

  2. Ja, also, nach mehr Bildqualität bei niedrigen ISOs zu gieren, ist zumindest nicht weniger ein Wahn als sich das bei hohen zu wünschen. 😉 Den alle aktuellen 4/3, APS-C oder Kleinbildsensoren liefern bei niedrigen ISOs hervorragende Ergebnisse, die für so gut wie alle Anwendungen ausreichen.

    Persönlich fotografiere ich auch gerne bei Available Light und bin oft bei ISO 6.400 oder 12.800. Für Schwarzweißfotografie liefern aktuelle Sensoren da schon ausreichende Qualität, für Farbe könnte es sich noch ein wenig verbessern.

    • Ja, also, nach mehr Bildqualität bei niedrigen ISOs zu gieren, ist zumindest nicht weniger ein Wahn als sich das bei hohen zu wünschen. 😉 Den alle aktuellen 4/3, APS-C oder Kleinbildsensoren liefern bei niedrigen ISOs hervorragende Ergebnisse, die für so gut wie alle Anwendungen ausreichen.

      Ich sehe das etwas anders. Bei einer D810, die auch ISO64 beherrscht, mag das stimmen, aber bei aktuellen 4/3 und APS-C Kameras finde ich die niedrigste ISO-Stufe immer noch nicht sauber genug. Ich habe z.B. die Erfahrung gemacht, dass die OMD E-M10 auch bei ISO100 in den Schatten rauscht. Und bei der DP2 Quattro ist es nicht anders. Andererseits kann weder der Bekannte, der die besagte E-M10 oft mit einem 25/1.4 verwendet, noch ich mittags bei Offenblende fotografieren, weil man mit beiden Kameras die ISO nicht weit genug runterschrauben kann. Die E-M10 schafft 1/4000s, was bei f/1.4 und ISO100 nicht ausreicht, die DP2Q nur 1/1200, hat aber nur eine Lichtstärke von f/2.8. Es ist wirklich ärgerlich, dass man durch eine zu hohe Basisempfindlichkeit einerseits BQ und andererseits Flexibilität opfert.

      Persönlich fotografiere ich auch gerne bei Available Light und bin oft bei ISO 6.400 oder 12.800. Für Schwarzweißfotografie liefern aktuelle Sensoren da schon ausreichende Qualität, für Farbe könnte es sich noch ein wenig verbessern.

      Ich gehe ab und zu auch bis ISO3200, trotz Foveon, bevorzuge es aber unter ISO400 zu bleiben. So würde ich wahrscheinlich auch mit anderen Kameras fotografieren.

  3. Ich finde: es kommt darauf an. ich fotografiere häufiger Menschen in Kirchen, da hilft mir eine hohe ISO-Qualität um mit natürlichem Licht zu fotografieren. Meine Leidenschaft ist es aber mit meiner geliebten DP in die umliegende Natur zu radeln – da waren mir ISO 200 immer ausreichend. Mit niedrigen ISO-Werten wäre ich noch flexibler in der Bildgestaltung. Hätte ich also sehr gerne, sollte aber schon mehr als ISO 50 sein ….
    Gehört nicht hierher – ich schreibe es aber trotzdem: Habe gerade fotogenerell entdeckt und bin als bekennender „Merrill-Fan“ begeistert!!! Danke!

    • Hallo Bernd!

      Ich finde: es kommt darauf an. ich fotografiere häufiger Menschen in Kirchen, da hilft mir eine hohe ISO-Qualität um mit natürlichem Licht zu fotografieren.

      Vielleicht war mein Text zu pauschal formuliert. Ich bin gewiss nicht grundsätzlich gegen High-ISO, mich ärgert aber, dass die Hersteller die Basisempfindlichkeit zu hoch ansetzen. Die im anderen Kommentar erwähnte E-M10 würde von einer niedrigsten Empfindlichkeit von ISO25 durchaus profitieren. Das gleiche gilt auch für die DPs.

      Hätte ich also sehr gerne, sollte aber schon mehr als ISO 50 sein ….

      Wieso nicht? Obwohl ich oft bewegte Motive (bspw. Hunde) mit meinen DPs fotografiere, ist eher die kürzeste Belichtungszeit als die ISO der limitierende Faktor. Wenn ich z.B. an Wochenenden mittags losziehe, muss ich für gewöhnlich bei ISO100 auf f/5.6 abblenden, um unter 1/2000 zu bleiben. Eigentlich würde ich aber gerne bei Offenblende fotografieren, um die Vierbeiner vom Hintergrund zu trennen. Geht aber nicht, ohne den Einsatz eines Graufilters. Mit ISO25 hätte ich bei f/2.8 immer noch eine recht kurze Belichtungszeit von 1/500s und die Bildqualität wäre bestimmt noch ein Stück besser.

      Gehört nicht hierher – ich schreibe es aber trotzdem: Habe gerade fotogenerell entdeckt und bin als bekennender “Merrill-Fan” begeistert!!! Danke!

      Das freut mich zu hören! Vielen Dank, Bern! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s