Muss man Stimmung wirklich einfangen, wenn man sie im Zuge der Bearbeitung gestalten kann?


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Uns Fotografen ist bewusst, dass kaum ein Foto, welches wir zu sehen bekommen, unbearbeitet ist. Schließlich bearbeiten wir alle unsere Bilder, um ihnen den letzten Schliff zu verpassen. Dahinter stecken selbstverständlich keine bösen Absichten, zumindest in den meisten Fällen nicht. Der Sinn und Zweck der Bearbeitung liegt nicht darin den Betrachter zu täuschen, sondern das Motiv so schön wie möglich erscheinen zu lassen. Macht man im Zeitpunkt der Aufnahme alles richtig – und damit meine ich nicht nur die Belichtungsparameter und den Bildausschnitt, sondern auch die Tageszeit, das Licht – muss man am Bild nicht allzu lange feilen. Für gewöhnlich reichen wenige Klicks aus, bis WA, Kontrast, Lichter, Schatten und Sättigung optimiert sind. Vielleicht ist diese Einfachheit und Anspruchslosigkeit der täglichen Bildbearbeitung der Grund, wieso wir manchmal vergessen, was für ein immenses Bearbeitungspotential in der modernen EBV-Software und den Bilddateien, die aktuelle Sensoren ausspucken, steckt.

Ab und zu tauchen aber Vorher-Nachher-Bilder und –Videos auf, die uns daran erinnern, dass die EBV eigentlich nur eine Grenze kennt, und zwar die Vorstellungskraft des Retuscheurs. Weil mir das Gespür fehlt, würde mir deutlich schwerer fallen die Stimmung derart zu verändern, als beispielsweise etwas aus dem Foto rauszustempeln oder eine Montage zu erstellen. Für den professionellen Retuscheur Taylre Jones, der bei Grade arbeitet, war es anscheinend ein Kinderspiel.

Die kontrastlosen, unbearbeiteten Aufnahmen sind die Originalaufnahmen aus dem Indie-Film The House On Pine Street.

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10 Gedanken zu „Muss man Stimmung wirklich einfangen, wenn man sie im Zuge der Bearbeitung gestalten kann?

  1. Bild-„Bearbeitung“ war schon immer. Denn bei selbst entwickelten Negativen und auch bei den darauf folgenden Abzügen auf Papier gab und gibt es die Gestaltungsmöglichkeiten Bilder zu „erschaffen“, die so eigentlich nicht das Original abbilden. Daher denke ich mir, dass die Bild-Entwicklung im digitalen Kontext auch die Persönlichkeit des Entwicklers/Fotografen wiedergeben. Und wenn auch ein (scheinbar/anscheinend) perfektes Bild vor dem ersten Mausklick entsteht bietet doch die EBV Platz für Spielereien. Und das ist heute leichter als früher. Einen Rechner hat ein jeder, der digital fotografisch tätig ist. Und EBV (welcher Art auch immer) kostet wohl weniger als früher eine komplette Dunkelkammer gekostet hat. Und wenn man in erster Linie mit RAW-Daten arbeitet so wie ich auch, ist man sowieso gezwungen zu „entwickeln“. Und da kommt dann (manchmal) der eigene Geschmack hinzu und/oder die Lust etwas Anderes aus der Aufnahme zu machen. Der großen Filterauswahl sei Dank – oder beim Übertreiben Undank. 🙂

    • Du hast Recht, Bilder wurden schon immer bearbeitet. Allerdings ist diese „color grading“ Geschichte, wenn richtig gemacht, so subtil, dass man nichts davon mitkriegt. Ich denke es ist leichter zu erkennen, wenn das Foto auf eine andere Weise manipuliert wurde. Wie man aber im Video sieht, kann man mit „color grading“ beispielsweise aus Tag Nacht machen, was die Aufnahme nicht weniger verfälscht, als wenn man eine Person oder einen Gegenstand rausstempelt.

      • Nun, es ist nichts leichter, als den Augensinn (= eigentlich das Gehirn) zu täuschen. Das wird uns tagtäglich vorgeführt. Immer eine Frage der Perspektive 🙂

      • Nun, es ist nichts leichter, als den Augensinn (= eigentlich das Gehirn) zu täuschen. Das wird uns tagtäglich vorgeführt. Immer eine Frage der Perspektive 🙂

        Mag sein, aber die Stimmung auf eine authentische Art zu verändern? Stelle ich mir recht schwierig vor.

      • Man kennt leider hinterher niemals die Originalstimmung, auch wenn man selbst dabei war. Und wenn auch mit definierten und zertifizierten Farbkarten für die spätere Bearbeitung gearbeitet wurde sind das alles nur Hilfsmittel, die helfen können – aber nicht zwingend zu authentischen Ergebnissen führen. Für Farbmanipulationen stehen eine Vielzahl von Kanälen zur Verfügung, in denen gezielt verändert werden kann.
        Und nichts lässt sich leichter täuschen als die eigene Erinnerung daran, wie etwas war. Die EBV-Profis spielen da in einer eigenen Liga, mit der ich mich nicht messen kann und will. Meine „Manipulationen“ sind von der diffizilen Art. Wenn man es mit freiem Auge im Vergleich zum Original erkennt ist es schon zuviel. Ich beschränke mich meist auf das Anpassen des Weißabgleiches und partielle Nachschärfungen. Dafür ist das RAW-Format als „unbehandeltes“ Aufnahmeformat ein unverzichtbarer Bestandteil meines Hobbys. LG Wolfgang

      • Und nichts lässt sich leichter täuschen als die eigene Erinnerung daran, wie etwas war. Die EBV-Profis spielen da in einer eigenen Liga, mit der ich mich nicht messen kann und will. Meine “Manipulationen” sind von der diffizilen Art. Wenn man es mit freiem Auge im Vergleich zum Original erkennt ist es schon zuviel. Ich beschränke mich meist auf das Anpassen des Weißabgleiches und partielle Nachschärfungen. Dafür ist das RAW-Format als “unbehandeltes” Aufnahmeformat ein unverzichtbarer Bestandteil meines Hobbys. LG Wolfgang

        Auch ich versuche meine Fotos so zu bearbeiten, das man die Bearbeitung nicht merkt, was mir zugegebenermaßen selten gelingt. Tiefgreifende, jedoch unauffällige Bildbearbeitung ist eine Kunst für sich.

        Ich bin der Meinung das es sehr schwer ist den Betrachter zu täuschen, auch wenn das menschliche Erinnerungsvermögen recht unzuverlässig ist. Liegt das Ergebnis der Bearbeitung zu weit von dem entfernt, was wir als „echt“ wahrnehmen, fällt die Bearbeitung sofort auf. Nähert man sich der „Wirklichkeit“ an, verfehlt man sie aber um ein kleines bisschen, kann es zum „Uncanny Valley“ Effekt kommen. Die Bearbeitung muss fast perfekt sein, um nicht sofort aufzufallen.

  2. Irgendwie seltsam – früher habe ich bei den Papierbildern in der Dunkelkammer viel mehr experimentiert. Heute suche ich mir eher eine gute Aufnahme aus vielen heraus. Bequemlichkeit?

    • Irgendwie seltsam – früher habe ich bei den Papierbildern in der Dunkelkammer viel mehr experimentiert. Heute suche ich mir eher eine gute Aufnahme aus vielen heraus. Bequemlichkeit?

      Sicherlich. Liegt aber m.E. auch an den Kosten. Wenn jeder Schritt Geld kostet, bemüht man sich viel stärker alles aus einem guten Foto auf der Filmrolle herauszuholen.

  3. Wie schon hier erwähnt, schon immer wurde an den Fotos gedreht, früher in der Dunkelkammer heute digital am Rechner. Die digitalen Möglichkeiten sind tatsächlich enorm und man benötigt ein sicheres Gefühl um es nicht zu „verschlimmbessern“. Für mich ist Bildbearbeitung im Idealfall nur dazu da, um das ohnehin vorhandene präsenter zu machen, die im Bild gefangene Stimmung herauszukitzeln. Nichts anderes macht ja Taylre Jones, die Grundlage für seine Arbeit sind gute Aufnahmen – handwerklich wie künstlerisch.

    • Wie schon hier erwähnt, schon immer wurde an den Fotos gedreht, früher in der Dunkelkammer heute digital am Rechner. Die digitalen Möglichkeiten sind tatsächlich enorm und man benötigt ein sicheres Gefühl um es nicht zu “verschlimmbessern”. Für mich ist Bildbearbeitung im Idealfall nur dazu da, um das ohnehin vorhandene präsenter zu machen, die im Bild gefangene Stimmung herauszukitzeln.

      Da stimme ich dir zu. Ich möchte nur noch hinzufügen, dass für mich eine gut bearbeitete Aufnahme eine solche ist, der man gar nicht anmerkt, dass sie bearbeitet wurde. Die Bearbeitung sollte kein Selbstzweck sein, und Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern lediglich das im Foto vorhandene Potenzial zur Geltung bringen.

      Nichts anderes macht ja Taylre Jones, die Grundlage für seine Arbeit sind gute Aufnahmen – handwerklich wie künstlerisch.

      Findest du? Er verändert m.E. die Stimmung grundlegend.

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